Die Augenbinde
GaukeLaien Aarau: Theaterstück über Gehorsam und die leisen Mechanismen der Macht
Ihre Lesungen gestaltet Bianca Ritter sehr lebendig mit Witz und Schalk, vielen Anekdoten, offener Fragestellung, angeregten Diskussionen und ein bisschen Musik darf auch nicht fehlen.
Bild: zvg
Mit ihrer Autobiografie «Ausser man tut es» lässt Bianca Ritter die Leser/innen in eine dunkelbunte Welt eintauchen. Gleichzeitig möchte sie anderen Menschen Mut machen, zu sich selbst zu stehen. Für eine Lesung ist die Autorin am Donnerstag, 29. Januar, zu Gast in der Aeschbachhalle Aarau.
Aarau Zu ihrem 60. Geburtstag letztes Jahr veröffentlichte Bianca Ritter ihre etwas andere Autobiografie «Ausser man tut es». Darin verarbeitet sie ihre Lebensgeschichte und den langen Prozess ihrer Transformation vom Mann zur Frau. Diese authentische Geschichte ist bewegend, traurig und tragisch, aber auch sehr offen, mutig, humorvoll frech und oft ziemlich tabulos – ein Einblick in eine dunkelbunte Welt.
Bianca kam 1965 als Christoph Oliver Ritter in Zürich auf die Welt und wuchs im Zollikerberg auf. Nach der Schule absolvierte er zunächst in Zürich eine KV-Lehre in der Unterhaltungselektronikbranche, bevor er ab dem Herbst 1992 in der Printmedienbranche tätig war.
Schon von Kind an hatte er das Gefühl, dass er sich von anderen unterschied, ohne dieses Anderssein klar benennen zu können. Er hatte Freude an den Kleidern der Mutter, interessierte sich für Make-up und bewunderte die Outfits von Mädchen. Eine klassische Pubertät erlebte er nach eigener Einschätzung kaum, die Ungewissheit zur eigenen Identität begleiteten ihn jedoch über viele Jahre.
Ein einschneidendes Ereignis in seinem Leben war der Suizid seines Vaters im Jahr 1980 nach langer Krankheit und schwersten Depressionen.
Später führte er 17 Jahre lange eine Ehe als Familienvater und wohnte «ganz normal» und «gutbürgerlich» in einem Haus. Der eigene Lebensweg blieb dennoch von innerer Suche und zahlreichen Brüchen gekennzeichnet.
Im Januar 2010 entschied er sich für eine geschlechtsangleichende Operation. Die finanzielle Unterstützung seines Göttis ermöglichte es ihm, die Operation im Universitätsspital Lausanne beim renommierten Facharzt Paul Jean Daverio durchzuführen, einer absoluten Koryphäe auf diesem Gebiet.
Kurz darauf folgte der offizielle Namenswechsel zu Bianca Nadine Ritter. In den Jahren danach begab sie sich auf die Suche nach Partnerschaften, zunächst vor allem im BDSM-Bereich. Eine Zeit lang lebte sie mit einem Mann zusammen, der noch heute ihr bester Freund ist. Seit 2018 lebt sie gemeinsam mit ihrer heutigen Partnerin glücklich im Fricktal.
Bianca Ritter hat im Laufe ihres Lebens viel Ablehnung erfahren. 2008 wurde sie aufgrund ihres Andersseins abrupt aus der Berufswelt gedrängt, was eine längere Phase mit starken Höhen und Tiefen nach sich zog. Trotzdem blickt sie differenziert auf die Schweizer Gesellschaft im Umgang mit Transgender-Themen.
Einerseits nehme die Offenheit zu, nicht zuletzt dank der Transparenz des digitalen Zeitalters. Andererseits gebe es weiterhin Vorurteile, Machismo, religiös geprägte Ablehnung sowie mediale Verzerrungen, die echten transidenten Menschen nicht gerecht würden. Sie unterscheidet klar zwischen gelebter Transidentität und kurzfristigen gesellschaftlichen Trends oder einem «hippen» Genderdiskurs.
Missverständnisse entstehen Biancas Ansicht nach häufig durch mediale Bilder, die Menschen verunsichern, wie sie Transpersonen einordnen sollen. Ihr Wunsch ist es, dass Menschen Schubladendenken ablegen und offen, neugierig und tolerant aufeinander zugehen.
Idealerweise, so sagt sie selbst, werde ihre frühere männliche Rolle gar nicht mehr wahrgenommen. Ihre Partnerin beschreibt sie als Mensch mit einer spannenden Geschichte, was mitunter auch der Grund war, weshalb sie miteinander ins Gespräch kamen.
Die Idee zu einer Autobiografie entstand durch wiederholte Ermutigungen aus ihrem Umfeld. Immer wieder wurde sie gefragt, warum sie kein Buch schreibe. Im Herbst 2023 begann sie schliesslich mit der Arbeit an ihrem Buchprojekt. Der Schreibprozess erstreckte sich bis Anfang 2025 und umfasste auch Lektorat und Korrektorat. So konnte sie pünktlich zu ihrem runden Geburtstag 2025 ihr Buch im Eigenvertrieb veröffentlichen.
Mit ihrem Buch möchte Bianca Ritter Mut machen, für das Anderssein sensibilisieren und für eine dunkelbunte, tabulose Toleranz plädieren. Gleichzeitig versteht sie das Werk als Dank an jene Menschen, die sie auf ihrem Lebensweg unterstützt haben. Sie verwendet dabei gern das Bild eines Lebenszuges, in den Menschen einsteigen, das Abteil wechseln, bleiben oder wieder aussteigen.
Ihre Lesungen leben vom offenen Austausch, von Nähe und der Möglichkeit, auch vermeintlich unmögliche Fragen zu stellen. Perspektivisch kann sie sich auch Vorträge, etwa an Schulen, vorstellen.
Obwohl das Buch stark von ihrem Anderssein geprägt ist, erzählt es auch viele Nebengeschichten und porträtiert zahlreiche Wegbegleiter. Ein zentrales Motiv ist zudem ihre grosse Liebe zur alternativen Musik. Jedes Kapitel und viele Zwischentitel sind nach Songs und Interpreten benannt. Diese Verbindung von Lebensgeschichte und Musik verleiht dem Buch eine zusätzliche, sehr persönliche Tiefe.
«Ausser man tut es» kann überall im Buch- und Onlinehandel sowie direkt via bianca@biancas-wings.ch bezogen werden.
Von Olivier Diethelm
am Donnerstag, 29. Januar, um 20 Uhr in der Aeschbachhalle Aarau. Eintritt frei, Kollekte.
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