Sinisha Lüscher
Er gehört zu den Favoriten an der Niklaus-Thut-Schwinget in Zofingen
Dem Regen zum Trotz: Das Ensemble des Freilichttheater Staufberg brilliert bei der Uraufführung.
Bild: Daniel Kühne/zvg
Staufen Wer am Donnerstagabend, 4. Juni, den Staufberg hinaufstieg, tat dies unter wenig einladenden Vorzeichen. Der Regen fiel unablässig, die sonst einmalige Aussicht blieb hinter grauen Schleiern verborgen. Und doch passte gerade dieses Wetter auf eigentümliche Weise zu einer Theaterpremiere, die von Arbeit, Durchhalten, Zusammenhalt und grossen Träumen erzählte. Für das Publikum auf der überdachten Tribüne war der Dauerregen höchstens eine akustische Begleitung. Die Schauspielerinnen und Schauspieler hingegen standen ihm während des ganzen Abends direkt ausgesetzt. Anmerken liessen sie sich davon nichts.
Mit «Hero – Geschichten mit Herz» bringt das Freilichttheater Staufberg nicht einfach die Geschichte einer bekannten Lenzburger Firma auf die Bühne. Autor und Regisseur Peter Locher hatte bereits im Vorfeld betont, dass er keine Geschichtsstunde abhalten wolle. Genau das ist ihm gelungen. Der Abend reiht keine Daten und Meilensteine aneinander, sondern lässt aus einzelnen Szenen ein Stück Regionalgeschichte entstehen. Die damalige Konservenfabrik wird dabei zum Ort, an dem sich wirtschaftlicher Aufbruch, soziale Spannungen, Fremdsein, Arbeitsethos und persönliche Sehnsüchte begegnen.
Schon früh zeigt sich, dass das Bühnenwerk den Stoff mit leichter Hand, aber nicht oberflächlich erzählt. Wenn Bauern und Bäuerinnen der neuen Fabrik zunächst mit Misstrauen begegnen, wenn italienische Arbeiter mit Vorurteilen konfrontiert werden oder wenn in der Belegschaft um Lohn, Anerkennung und Rechte gerungen wird, bleibt der Blick zurück erstaunlich gegenwärtig. Das Stück stellt Fragen, die gerade heutzutage wieder – oder immer noch – höchst relevant sind: Wer gehört dazu? Wer darf mitarbeiten, mitreden oder gar mitlieben? Und wie viel Offenheit verträgt eine Gesellschaft, die sich gerne auf ihre Ordnung beruft?
Schwer auf dem Abend liegen diese Themen derweil nie. Immer wieder blitzt Humor auf, manchmal in sprachlichen Spielereien, manchmal in bewusst gesetzten Anachronismen, manchmal im liebevollen Zuspitzen helvetischer Eigenheiten.
Durch das Stück zieht sich auch die Liebesgeschichte des italiensichen Gastarbeiters Giovanni und der Schweizer Arbeiterin Linda. Sie ist nicht bloss eine hübsche Nebenhandlung, sondern ein roter Faden, der die grossen Fragen ins Persönliche übersetzt. Zwischen den beiden zeigt sich, was Annäherung in einem Umfeld bedeutet, in dem Herkunft und Zugehörigkeit nicht einfach Nebensachen sind. Gerade weil diese Geschichte immer wieder aufgenommen wird, bekommt der Abend eine emotionale Klammer. Aus der Firmengeschichte wird so auch eine Geschichte über Menschen, die ihren Platz suchen.
Besonders stark ist das Ensemble in den grossen Bildern. Die Gruppenszenen sind sorgfältig gesetzt, die Choreografien wirken lebendig und die Musik trägt viel zur Energie des Abends bei. Wenn gesungen, getanzt und gearbeitet wird, entsteht auf der Bühne jene Betriebsamkeit, die man sich von einer Konservenfabrik vorstellt. Gleichzeitig finden auch ruhigere Momente ihren Platz.
Dass der Abend trotz Regen nicht an Schwung verlor, ist indes eine Leistung für sich. Die Bühne bot den Schauspielerinnen und Schauspielern keinen Wetterschutz, doch sie spielten, sangen und tanzten mit einer Selbstverständlichkeit, als gehöre der Regen zur Inszenierung. Gerade dadurch wurde spürbar, wie viel Herzblut in diesem Projekt steckt. Die lange Vorbereitung, der Aufwand hinter Bühne, Musik, Choreographie und Organisation fügten sich zu einem stimmigen Ganzen. Das Premierenpublikum dankte es dem Ensemble mit langem Applaus und Standing Ovations.
aob
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