Michael Hermann
referierte in Aarau im Hinblick auf die "Keine-10-Millionen-Schweiz!" -Initiative
"Freude herrscht!", frei nach Adolf Ogi. Bild: Deanne Thomi
In Zürich stieg am vergangenen Sonntag mit dem Zürich Marathon das Highlight vieler Laufkalender. Als «rennender Reporter» mittendrin: der Autor dieser Zeilen.
Zürich/Rothrist Das eigene Handeln birgt Konsequenzen: Es ist wohl eine der fundamentalsten Lektionen des Lebens. Diese äussern sich individuell und mannigfaltig: von positiv bis negativ, von lebensverändernden Einschnitten bis kaum bemerkbaren Nuancen. Das schrille Klingeln meines Weckers um 4.50 Uhr am letzten Sonntagmorgen dürfte irgendwo in der Mitte anzusiedeln sein, wenn auch näher beim Einschnitt als an der Nuance, zugegeben. Ein Gemütszustand, der nicht allzu fremd ist: Nur zu gerne jagte uns das militärische Kader in der Rekrutenschule zu Unzeiten im Namen des «Frühsports» um die Kaserne. Einziger Unterschied: Am vergangenen Sonntag geschah alles auf eigenes Geheiss. Denn was als Drill und minder martialische Bestrafung den Weg in mein Leben fand, entwickelte sich zur kleinen Passion – mit dem Marathon in Zürich als erstem Höhepunkt.
Auf die Marathon-Distanz will man gut vorbereitet sein. Insgesamt stecken seit Sommer 2024 3000 Kilometer in den Beinen. Könnte ich auf dem Wasser laufen, wäre das einmal von Rothrist nach Nikosia in Zypern – minus der Höhenmeter versteht sich. Fünf bis sechs Mal in der Woche schnürte ich die Laufschuhe, bei Minusgraden wie bei Hitzewellen. Ein Prozess, der einem vieles lehrt und gibt: das Gefühl des Vorankommens, die stille Genugtuung nach einem harten Training, die Erkenntnis, dass der Körper mehr aushält als der Kopf glaubt.
Nicht enden will man wie der sagenumwobene athenische Bote und vermeintliche Begründer des Marathons, Pheidippides. Dieser soll nach einem Lauf von der namensgebenden Stadt Marathon nach Athen vor versammelter Mannschaft tot zusammengesackt sein – gerade nach seiner Siegesverkündung über die Perser. Eine womöglich überzeichnete Geschichte, die dennoch den Kern trifft: Der Laufsport ist unerbittlich. Er stellt Gelenke und Knorpel auf die Probe, fordert Herz und Kreislauf und verlangt mentale Stärke. Er ist – um eine Phrase zu bemühen – ein fairer Lehrer. Keiner kann sich bei ihm einen Vorteil erkaufen, keine Beziehung lässt sich für eine bessere Note einsetzen. Einzig die Leistung zählt. In einer Zeit des Oberflächlichen, des Unechten und Unehrlichen – befeuert von den Algorithmen der Tech-Konzerne – nehme ich die Ehrlichkeit des Laufsports als stille Konterrevolution wahr. Und nebenbei zeigt der Laufsport auch auf, wie gemütlich es sich der Mensch inzwischen in seinem evolutionären Elfenbeinturm eingerichtet hat, bewegen sich doch viele nur wenige tausend Schritte am Tag.
Doch nun von Athen zurück nach Zürich: Im Startblock C angekommen, dominiert nicht das Lampenfieber, sondern eher der Fremdscham. Irgendwo zwischen Szene-DJ und Ferienresort-Animator versucht der Speaker, die Menge mit der Brechstange zum Tanzen und Schreien zu animieren. Gut reden hat der Mann, verbringt er die nächsten Stunden im Stuhl und strapaziert die Stimmbänder statt den Quadrizeps. Die Zäsur bildet der Startschuss um Punkt acht Uhr. Endlich hat das Warten ein Ende und die Beine können das machen, worauf sie getrimmt worden sind.
Die ersten Kilometer durch die Zürcher Innenstadt fühlen sich so an, wie sie sollen: unbeschwert. Die vielen Zuschauer, welche die Gassen säumen, tragen einen förmlich über die Rennstrecke. Es bleibt Zeit, die vielen Schilder zu lesen, die «Tap for Power»-Schilder und zahlreiche Kinderhände abzuklatschen und ins Rennen zu finden.
Nach der Runde in der Innenstadt folgte der Abschnitt an der Goldküste bis Meilen. Dort angekommen dreht man nach einer kleinen Runde im Ortskern wieder nach Zürich um. Auf dem Hinweg dominiert die gute Laune: keine Magenverstimmung, das angepeilte Tempo von 4:55 Minuten pro Kilometer passt. Über mein Tempo können die Profis der Elite-Klasse derweil wohl nur lachen. Ich begegne ihnen auf der Gegenfahrbahn, begleitet von TV-Motorrädern. Der Kenianer Davis Kiplangat, der die Gruppe anführt, wird mit 2 Stunden und 9 Minuten die diesjährige Austragung gewinnen – mit einem Tempo von 3:03 Minuten pro Kilometer.
Während die Cracks schon die Ziellinie auf dem Sechseläutenplatz überquert haben, beginnen die Probleme der «Normalos» erst. Der Marathon, sagte einst der ehemalige Weltrekordhalter Haile Gebrselassie, beginnt erst nach 30 Kilometern so wirklich. Dann fangen nämlich die Schmerzen und die Probleme an. Dass es sich dabei um keine Binsenweisheit handelte, erkannte ich jedoch schon früher, bei der 25-Kilometermarke. Die Beine sind schwer, der Oberschenkel schmerzt und der Beinbeuger zieht. Die Quittung wohl dafür, dass ich im Training zu oft auf längere Einheiten jenseits der 25 Kilometer verzichtet hatte. Der faire Lehrer, eben. Doch die vielen Trainingskilometer hatten mich gelehrt, mit dem Schmerz umzugehen. Die Zuschauer taten ihr Übriges. Sie feuerten an, die Musikvereine versammelten sich am Strassenrand und spielten Ständchen. Nicht selten wird man mit dem Vornamen, gut sichtbar auf der Startnummer, angesprochen. So persönlich hat man Zürich wohl selten erlebt. Die letzten fünf Kilometer lassen sich wohl am besten als Rausch beschreiben – der Art, bei welcher man das letzte Glas lieber nicht getrunken hätte. Doch das Ziel ist zu nahe, um jetzt nachzugeben. Und spätestens auf der Quaibrücke, im Herzen der Stadt, laufen sich die letzten Meter von alleine. Am Schluss überquere ich mit 3:27:55 die Ziellinie, rund zwei Minuten unter dem angepeilten Ziel von 3:30. Den Schmerz in den Knochen war es allemal wert. Und es könnte schlimmer sein: Anders als Pheidippides kam ich sogar mit dem Leben davon.
Joel Dreier
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