Die Augenbinde
GaukeLaien Aarau: Theaterstück über Gehorsam und die leisen Mechanismen der Macht
Als der erkranke Aarburger Informatiker Herbert Scheidegger im April 1986 ankündete, das marode und verwahrloste 1000er-Stägli zu sanieren, dachte man es handle sich um einen Aprilscherz.
Aarburg Doch schön der Reihe nach: Wer eine echte Challenge sucht, der findet sie seit 1987 auf dem legendären 1000er-Stägli – auch «Himmelstreppe» genannt – oberhalb der A1 am Born. Ausdauer, Oberschenkelmuskulatur und Durchhaltevermögen sind gefragt, wenn der Aufstieg nicht enden will und die Luft gefühlsmässig dünner wird. Spitzen- und Hobbysportler sowie Gesundheitsbewusste nehmen die Strapazen auf sich und steigen bzw. rennen die 1150 Stufen hinauf. Das Herz pocht stark beim Aufstieg von der Ortsverbindungsstrasse Aarburg-Boningen (420 m. ü. M.) bis zum Kulminationspunkt, der 664 m ü. M. liegt. Die Bewältigung der 244 m Höhendifferenz auf einer Strecke von nur einem halben Kilometer entspricht einer Steigung von 47,3 Prozent.
Das berühmte 1000er-Stägli gibt es seit 1904 und befindet sich auf Oltner Boden. Die Bornstiege wurde entlang der Druckleitung des Hoch-druck-Speicherkraftwerkes Ruppoldingen errichtet. Die Rohre der Speicherleitung führten auf 719 m. ü. M. – also weiter als das Stägli endet. Der angelegte Speichersee – heute ein Biotop – hatte ein Fassungsvermögen von 12'000 m³. Die Treppe diente den Arbeitern als direkter Zugang zu den verschiedenen Baustellenabschnitten. Als diese zurückgebaut wurde, verlor der Aufstieg seine Funktion und verwilderte.
Dass die Bornstiege – 1896 gebaut – seit 1987 wieder begehbar ist, ist dem Aarburger Herbert Scheidegger («Born-Hörbi») zu verdanken. Als der Arzt dem ernsthaft erkrankten Informatiker viel frische Luft und körperliche Arbeit verordnete, wurde im Kopf des naturverbundenen Menschen die Idee zur Sanierung des «Tuusigerstäglis» geboren. Ein gewaltiges Vorhaben, das in der regionalen Tageszeitung als Aprilscherz die Runde machte. Am 1. April 1986 setzte «Hörbi» in Anwesenheit eines Journalisten des «Zofinger Tagblatts» aber tatsächlich den ersten von insgesamt 1144 Holztritten in den steinigen Boden. Die 80 cm langen Rottannen- und Buchenspälte wurden mit 50 Zentimeter langen Armierungseisen befestigt. Wie oft «Hörbi» mit seiner hölzernen Rückentrage (Träf) der Marke Eigenbau ins Basislager abstieg, um Holzspälte zu holen, ist unbekannt. Körperlich erging es dem Pionier, der sich einer Operation hatte unterziehen müssen, von Tag zu Tag besser. Am 29. April 1987 hatten es Scheidegger und seine treuen Wegbegleiter geschafft: Persönlich haute er die letzten Armierungseisen für den 1144. Tritt in den harten Boden. – Leider war die Hoffnung auf «Hörbis» vollständige Genesung zu optimistisch: Erst 61-jährig verstarb er 2001. Sein Vermächtnis wird seit 39 Jahren von einer Freiwilligengruppe (Born-Rangers) mit grossem Engagement unterhalten. Der bekannte «Fitness-Hotspot» auf dem Born ist kult und an 365 Tagen begehbar. Das riesige Interesse nutzt die Stufen natürlich ab. Dazu Rolf Wullschleger, «Polier» der Arbeitsgruppe: «Im vergangenen Jahr haben wir etwa 500 Tritte erneuert und mit Juramergel hinterfüllt, den wir in Kesseln rauf und runter geschleppt haben. Auch die Wege für den Abstieg via Känzeli haben wir saniert. Insgesamt wurden rund fünf Kubikmeter Mergel verbaut und einvibriert.» Es ist ein Anliegen der freiwilligen «Chrampfer», die auf keiner Lohnliste aufgeführt sind, dass zur Schonung des Stäglis für den Abstieg der gut markierte Rundweg gewählt wird.
2025 wurden mittels Lichtschranke unglaubliche 130'000 (!) Bewegungen gemessen – entspricht etwa 2'500 Stäglibenützer pro Woche. Es ist klar, dass die Treppe enorm strapaziert wird, und das Relikt aus dem Jahre 1896 der Belastung nur deswegen standhält, weil es mit grossem Aufwand unterhalten wird. Der intensive Unterhalt ist eine kontinuierliche Aufgabe, die von der freiwilligen Arbeitsgruppe mit Hans Schürch, Rolf Wullschleger, Guido Vonäsch, Andy Flükiger, Kurt Hilfiker und Bruno Muntwyler übernommen wird. Hauptaufgabe ist das Auswechseln abgenützter Stufen, das Entfernen des glitschigen Laubes, das Sichern der Zugänglichkeit und die Pflege der Wege inklusive Littering usw. Auch die drei Grillstellen werden unterhalten und mit Feuerholz bestückt; Fallholz entsorgt und zahlreiche Bänkli tragen auch die Handschrift der «Born-Ranger». Ein namentlich nicht genannt werden wollender «Stägli-Stammgast» meinte: «Wenn die freiwillige Gruppe nicht wäre, würde sich die Borntreppe innerhalb von ein, zwei Jahren in einem desolaten Zustand befinden. Daher finde ich es wichtig die strenge Arbeit der freiwilligen Chrampfer zu schätzen und zu unterstützen.»
Bruno Muntwyler
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