Sonja Enz
und Julia Hochuli im Gespräch zur neuen Austellung im Stapferhaus
Co-Kuratorin Julia Hochuli (l.) und Künstlerische Co-Leiterin Sonja Enz freuen sich auf die kommende Ausstellung. Bild: Joel Dreier
Am 8. November eröffnet die neue Ausstellung «Sicherheit. Ein Risiko?» im Stapferhaus in Lenzburg. Künstlerische Co-Leiterin Sonja Enz und Co-Kuratorin Julia Hochuli erzählen, worauf sich die Besucher/innen freuen dürfen.
Beim Stichwort «Sicherheit» denken viele wohl zuerst an Armee und Landesverteidigung. Wie weit fassen Sie den Begriff? Kommt auch das Private ins Spiel, etwa Wohnung, Familie, Gesundheit oder Finanzen?
Julia Hochuli: Wir fassen den Begriff bewusst sehr breit, weil Sicherheit im gesellschaftlichen wie im alltäglichen Leben allgegenwärtig ist. Im Kern geht es in der Ausstellung darum, für sich selbst auszuloten, was Sicherheit und Risiko bedeuten und wofür man bereit ist, ein Risiko einzugehen. Denn das ist so individuell wie der Mensch selbst.
Die Welt ist schnelllebig, viele Themen sind in aller Munde. Was hat den Ausschlag für das Thema «Sicherheit. Ein Risiko?» gegeben?
Sonja Enz: Wir haben das grosse Privileg, alle zwei Jahre ein neues Thema setzen zu dürfen. Dieses Privileg wollen wir für ein Thema nutzen, das für alle greifbar ist, im Alltag wie in der Politik. Das Thema Sicherheit hat sich früh intern herauskristallisiert, weil die Gratwanderung zwischen Sicherheit und Risiko unser aller Leben durchzieht und einen roten Faden für eine interaktive Ausstellung bietet.
Julia Hochuli: Das Thema soll gleichermassen zeitlos wie aktuell sein. Vom Themenentscheid bis zur Finissage vergehen über drei Jahre, so lange muss es relevant bleiben. Das trifft hier gewissermassen in extremis zu: Während der Erstellung der Ausstellung haben sich unzählige Sachverhalte verändert. Wir fragten uns, ob die Weltrealität unsere Ausstellung schlicht überholen wird.
Sie haben für die Ausstellung das «Testzentrum für Sicherheit und Risiko» geschaffen. Warum?
Sonja Enz: Zum einen wollten wir einen Raum schaffen, in dem man das eigene Risiko- und Sicherheitsverhalten ergründen kann. Zum anderen möchten wir gesellschaftliche Sicherheitsmassnahmen hinterfragen und auf den Prüfstand stellen: Wie viel Sicherheit brauchen wir? Gibt es ein Zuviel an Sicherheit? Und kann Sicherheit selbst zum Risiko werden? Wir möchten die Besucherinnen und Besucher einladen, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen.
Worauf können sich die Besucherinnen und Besucher freuen?
Sonja Enz: Unser grosses «Sicherheitslabor» bildet den zentralen Hub der Ausstellung. Hier geht es um das gesellschaftliche Spannungsfeld. Wir zeigen neun verschiedene Porträts von Menschen, die in ihrer Arbeit Sicherheit herstellen, zum Beispiel in der JVA Lenzburg oder beim Kommando Cyber der Armee. Daneben gibt es viele weitere Beispiele zu entdecken: Es geht um Drohnen, um den Notvorrat im eigenen Haushalt und um Flughafenscanner, in denen die Besucherinnen und Besucher Sicherheitsgegenstände scannen und dabei Haltung beziehen müssen: Wie viel Schutz und Regeln wollen wir und wie viel Eigenverantwortung?
Ausserdem gibt es sechs Testzonen, die jeweils ein eigenes Thema bearbeiten. Hier liegt der Fokus auf der individuellen Ebene.
Eine Testzone führt die Besucherinnen und Besucher etwa in ein Casino. Im Mittelpunkt stehen Verhaltensökonomie und Spieltheorie: In spielerischen Experimenten lässt sich herausfinden, ob man lieber auf Nummer sicher geht oder das Risiko sucht.
In der Testzone «Komfortzone oder Nervenkitzel» geht es um eine andere Art von Risiko: Auf der Tanzfläche setzt man Kopfhörer auf und folgt den Anweisungen einer Stimme. Wie weit man sich aus der Komfortzone locken lässt, entscheidet jede und jeder selbst.
In der Mitte des Sicherheitslabors befindet sich der «Safe»: ein Rückzugsort, an dem man innehalten kann. Hier erzählen Menschen aus der ganzen Ausstellung, woraus sie Hoffnung schöpfen.
Sogar der Ausgang aus der Ausstellung stellt einen vor die Frage, wie viel Nervenkitzel man sucht. Mehr verraten wir an dieser Stelle dazu noch nicht (lacht). Was wir sagen können ist aber, dass auch wir als Ausstellungsmacher/innen uns die Frage nach Sicherheit und Risiko stellen mussten.
Fragen stellen und die Antworten auswerten: Das ist eine Markenzeichen des Stapferhauses, oder?
Sonja Enz: Genau, und auch dieses Mal wollen wir spannende Erkenntnisse gewinnen. Zu Beginn des Besuchs erhält jede Person einen Badge, mit dem sie sich durch die Ausstellung bewegt. Immer wieder beantworten die Besucherinnen und Besucher Fragen und erhalten am Schluss ihre persönliche Auswertung.
Apropos Nachfragen: Wie recherchieren Sie für eine Ausstellung?
Julia Hochuli: Wir sind keine Expertinnen und Experten für die Themen, die wir im Stapferhaus aufgreifen. Darum ist es wichtig, mit Fachleuten und Betroffenen zu sprechen. Nur so finden wir heraus, was die Leute beschäftigt und welche Fragen tatsächlich wichtig sind. Dieses Mal waren es rund 50 Gespräche: von der Basejumperin über den Pokerspieler bis zum Historiker und der Ökonomin. Danach erstellen wir ein Dossier, zum einen für potenzielle Fundraising-Partner, zum anderen auch für uns selbst, um all das Wissen niederzuschreiben. Danach geht es an die Konzeption: Welche Themen verhandeln wir in welchem Raum?
Wie kommt aus den Recherchen am Ende eine Ausstellung zum Anfassen zustande?
Sonja Enz: Der Kern unserer Arbeit besteht in der inhaltlichen Auseinandersetzung. Das Stapferhaus hat, anders als andere Museen, keine eigene Sammlung. Deshalb setzen wir uns schon früh mit Szenografinnen und Szenografen für eine künstlerische Umsetzung zusammen, denn unsere inhaltliche Arbeit ist nutzlos, wenn wir sie nicht in den Raum übersetzen können.
Was ist das Ziel der Ausstellung?
Sonja Enz: Wir haben nicht das Ziel, den Leuten eine klare Botschaft mitzugeben. Wir wollen anregen, über die gestellten Fragen nachzudenken, und dazu, sich selbst besser kennenzulernen: In welchem Verhältnis stehe ich zu diesen Spannungsfeldern zwischen Sicherheit und Risiko?
Julia Hochuli: Wir bestimmen nicht, was richtig und falsch ist. Wir wollen sensibilisieren, und im besten Fall nimmt man Erkenntnisse oder Fragen in den Alltag mit.
Wann sind Sie zuletzt ein Risiko eingegangen?
Sonja Enz: Einige schätzen es als Risiko ein, dass ich in dieser intensiven Phase mit meinem zweiten Kind schwanger bin (lacht). Es ist auch immer eine Frage der Relation: Im Rahmen der Ausstellung hatte ich mit Menschen zu tun, die ein ungleich höheres Risiko eingehen mussten.
Julia Hochuli: Jeden Tag, zum Beispiel mit dem Velo im Strassenverkehr. Aber tatsächlich hat sich meine Wahrnehmung des Risikos verschoben. Ich habe gelernt: Ein Kinderspielplatz zum Beispiel muss gewisse Gefahren bergen, damit Kinder etwas fürs Leben lernen können.
Interview: Joel Dreier
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