Julia Knapp
Die Zofinger Literaturtage gehen mit Tschechien "an die Küste".
Er ist Tätowierer und Heissluftballonfahrer. Als «Ballon-Pirat» führt er Menschen über die Wolken. Im eigenen Tattoo-Studio verewigt er vorwiegend Tätowierungen im Maori-Stil unter die Haut seiner Kundschaft. Der Safenwiler Patrick Hilfiker erläutert im Interview, wieso er sich in keine Schublade stecken lässt und wieso bunte Tattoos seiner Meinung nach in der Schweiz eher weniger Anklang finden.
Patrick Hilfiker, tätowieren Sie sich auch selbst?
Ja. Jeder, der tätowieren lernt, sollte sich selbst auch mal tätowieren. Ich glaube so bekommt man auch Respekt dafür, was man anderen «antut». In der Szene ist es so: Wenn man anfängt zu tätowieren, sollte man die erste Tätowierung an sich selbst machen. Ich habe mich selbst auch schon ein paar Mal tätowiert. Aber ich gehe liebe zu anderen. Die Kunst, die ich auf mir habe, sammle ich.
Wie war die Erfahrung, sich das erste Mal selbst zu tätowieren?
Nicht schmerzhaft. Die Konzentration ist viel grösser, auch ein bisschen die Anspannung, das Adrenalin, welches man hat. Wenn man tätowiert wird, weiss man, man kann sich hinlegen und muss einfach ruhig halten und schön gechillt sein. Wenn man sich selbst tätowiert, hat man nochmals einen höheren Adrenalinspiegel und ist noch ein bisschen nervöser. Darum hat es eigentlich gar nicht weh getan.
Tätowieren und Heissluftballonfahren sind eigentlich zwei ganz verschiedene Tätigkeiten. Oder?
Puh, ich glaube einen Zusammenhang haben sie nicht. Aber ich glaube, es widerspiegelt so ein bisschen meine Vielseitigkeit. Beim Tätowieren bin ich immer konzentriert. Ich sitze die längste Zeit. Ich mache ganz genaue Linien. Ich bin immer «drinnen» und auf die Nähe fokussiert. Und beim Ballonfahren habe ich wieder die Weite und die Natur.
Also zwei Gegensätze.
Das Tätowieren ist für mich wirklich runterfahren und mit dem Kunden ein schönes Tattoo zu designen. Das Ballonfahren ist wie wieder in die Freiheit rauszugehen, durchzuatmen und einmal in die Weite hinauszuschauen. Wirklich die Wälder, Berge und die Natur wahrzunehmen. Es sind zwei komplett verschiedene Bereiche.
Dann würden Sie sich als einen freiheitsliebenden Menschen bezeichnen?
Auf jeden Fall. Ich habe eigentlich schon immer das gemacht, auf das ich Lust hatte, so kommt es auch immer gut. Ich bin schon immer meinen Weg gegangen. Das mit dem Tätowieren und mit dem Ballon fahren hat sich dann irgendwie ergeben. Ich habe dieses Jahr meine Berufspilotenlizenz gemacht und werde jetzt öfter in der Luft sein. Aber das Tätowieren werde ich sicher nicht vernachlässigen. Es ist mein Hauptgeschäft und das Ballonfahren ist am Wochenende. Dort teile ich mit meinen Kunden das Erlebnis des Ballonfahrens.
Das sind ja beides nicht unbedingt «herkömmliche» Berufe. Sind Sie jemand, der ein bisschen das Aussergewöhnliche im Leben sucht?
Nicht einmal. Aber ich habe das Gefühl, man kann die Leute nicht in eine Schublade stecken. Ich habe auf keine Art und Weise in irgendeiner Schublade Platz. Ich bin mit Leidenschaft Tätowierer, Künstler, Ballonfahrer. Ich bin Handwerker, habe mal Elektriker gelernt. Wir haben zuhause ein paar Tiere: Hühner, Schweine, Hund, Katze, Fische, eine grosse Riesenschildkröte und ich bin Familienvater von zwei Kindern. Also der komplette Mix, aber das macht mich aus.
Bekommt man denn alles unter einen Hut?
Es ist viel. Aber man muss auch Kompromisse eingehen. Ich kann jetzt nicht nur wochenlang tätowieren, dann werde ich kribbelig. Ich kann aber auch nicht eine Woche lang Ballon fahren, dann werde ich auf eine Art auch müde. Es ist der Mix, der es ausmacht. In der Vielseitigkeit finde ich die Balance. Das Wichtigste: Egal ob ich Ballon fahre oder tätowiere – ich mache es einfach mit Leidenschaft.
Sie haben das Tattoostudio seit 2007, haben aber Elektriker gelernt. Wussten Sie schon früher, dass Sie Tätowierer werden möchten?
Nein, es waren sehr viele erstaunt, die Familie auch, als ich mit dem Tätowieren angefangen habe. Aber ich habe Kunst an sich immer geliebt, habe aber mehr Holz geschnitzt oder mit Metall etwas geschweisst. Tätowieren ist für mich ein Handwerk, bei dem ich etwas unter die Haut tun kann, was das ganze Leben lang hält. Wenn ich jetzt auf diese 15 Jahre zurückschaue, gibt es natürlich viel Verbesserungspotential. Aber ich habe es mir mehr oder weniger selbst beigebracht und natürlich auch ein extremes Wachstum miterlebt.
Gibt es etwas, sei es beim Tätowieren oder Ballonfahren, wo Sie sagen: «Nein, das mache ich nicht»?
Beim Ballonfahren sind es die Risikofaktoren. Wenn ich eine riesige Gewitterfront im Anmarsch sehe, es könnte Nebel oder zu viel Wind vorhanden sein, dann gehe ich einfach nicht. Ich sage lieber einmal mehr «Nein» und stelle später fest, es wäre doch gegangen, als in die Luft abzuheben und etwas passiert. Beim Heissluftballonfahren habe ich natürlich die Verantwortung für vier bis fünf Passagiere. Aber bis jetzt ist es immer sehr gut gelaufen.
Und beim Tätowieren ist es so: Wenn relativ junge Leute zu mir kommen und sagen, sie möchten als erste Tätowierung einen Totenkopf auf den Handrücken, dann würde ich es eher nicht machen. Aber es kommt immer individuell auf die Person drauf an. Ich habe auch schon im Gesicht tätowiert, aber diese Leute sind schon langjährige Kunden von mir und mehrfach tätowiert. Wenn ich ganz junge Kunden habe, die die erste Tätowierung im Gesicht wollen, mache ich das nicht.
Bereuen Sie irgendetwas, was Sie Mal gestochen haben?
Weder an mir, noch an jemand anderem. Bevor ich anfange zu tätowieren, führe ich immer ein Vorgespräch. Das ist die wichtigste Arbeit beim Tätowieren, nebst dem Stechen selbst. Wenn ich das Gefühl habe, etwas ist zu fein oder am falschen Ort, dann bespreche ich das mit dem Kunden. Von dem her bereue ich nichts, sonst würde ich mir ja ins eigene Fleisch schneiden, wenn ich Sachen machen würde, die draussen herumlaufen und nicht gut sind. Ich muss zu hundert Prozent hinter meinen Arbeiten stehen und wenn ich das nicht kann, dann mache ich es auch nicht.
Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie das erste Mal ballongefahren sind?
Das erste Mal war, als ich für mein Geschäft eine Ballonfahrt gebucht hatte anstatt eines Geschäftsessen. Dann hatte ich meinen heutigen Schwiegervater gechartert und wollte einen grossen Ballon, mit dem ich mit dem ganzen Team ballonfahren gehen kann. Das war für mich Adrenalin pur. Wenn man das noch nie gesehen hat und plötzlich steht man vor so einem Korb mit ein bisschen Stoff, dieser wird mit kalter Luft aufgeblasen, die Brenner fangen an, den Ballon mit heisser Luft zu füllen – das ist pure Energie, die da stattfindet. Ich glaube, das spürt auch jeder, der Ballonfahren kommt, das Adrenalin, welches in einem drin ist. Nachher hebt man plötzlich ganz sanft und langsam ab und gleitet über diese Wälder und die schöne Landschaft, die wir hier haben. Das ist eindrücklich.
Sie spezialisieren sich auf Maoritätowierungen. Warum?
Achtzig Prozent meiner Arbeiten sind Maori und polynesisch angehaucht. Ich sage das immer so, da ich kein Maori bin, sondern ein Schweizer. Aber die Formen und die Tätowierungen, die die Leute wollen, zeichne ich in Freihand auf den Körper und so kommt immer etwas von meinem Design hinein. Wenn jemand kommt und sagt, er möchte ein traditionelles Maori-Tattoo, dann müsste er warten. Ich habe ab und zu traditionelle Künstler bei mir, die diese Tattoos nach alter Tradition machen.
Warum wollen viele Schweizer oder eben Nicht-Maori solche Tattoos?
Das ist ganz einfach zu sagen: Früher war ich auf Comics und voll bunte Tätowierungen spezialisiert. Und es gibt eine Szene, die diese Tattoos voll cool findet. Der «Schweizer» möchte etwas Beständiges, Seriöses, etwas Schlichtes, etwas, wo man sagen kann, dass es in zehn Jahren auch noch schön ist. Ein Maori-Tattoo kommt von Freihand auf den Körper. Es fliesst auf dem Körper, es hat klare Linien und ich glaube darum haben Schweizer das so gerne. Vielleicht ist es eine andere Mentalität. In den USA oder England sind die Tattoos eher bunter.
Also sind die Tätowierungen weniger wegen der Bedeutung beliebt als wegen der Ästhetik?
Ja, ich glaube gewisse Menschen in anderen Ländern sind vielleicht ein bisschen offener gegenüber farbigen Tattoos. Und der Schweizer ist eher der konservative Typ, der es lieber schlicht, fein und klein hat. Bei uns ist «Black and Gray» beliebt, das ist schwarz-grau schattiert und «Blackwork», also schwarze Linien und schwarze Farben.
Das sind aber teilweise auch recht grosse Tattoos, das ist dann ja auch nicht schlicht.
Ja, das sind auch grosse Tattoos. Aber so etwas grosses mit ganz klaren schwarzen Linien, was strukturiert aussieht, sieht anders aus, wie wenn man jemanden sieht, der beispielsweise den ganzen Arm voll mit farbigen Seemannstattoos hat.
Würden Sie sich denn einen Heissluftballon tätowieren?
Ich habe noch keinen, aber ich habe mir immer gesagt, wenn ich meinen ersten Sponsor habe, lasse ich mir dann vielleicht sogar das Logo von ihm tätowieren (schmunzelt). Das hätte für mich dann die Bedeutung: Jetzt habe ich einen neuen Meilenstein erreicht. Ich habe irgendwo noch ein bisschen Platz für mein Ballon-Tattoo, suche aber noch den passenden Sponsor dafür.
Nähere Informationen zu den beiden Tätigkeiten von Patrick Hilfiker finden Sie unter:
Interview: Gemma Chillà
Sehr spannender Beitrag. Vielen Dank
Laura antworten
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